Warum Plastik unseren Planeten auch schützen kann

Kunststofffenster isolieren unsere Häuser, Infusionen aus Plastikbeuteln retten Leben, Rohre aus Kunststoff schonen Ressourcen und halten oft länger als die Alternativen. Auf der Jahrestagung des Kunststoffrohrverbandes erkennen Klimaaktivisten: Es gibt auch „gutes Plastik“.

Es ist Donnerstagmorgen Ende September in Wiesbaden. Wie in jedem der vergangenen 62 Jahre treffen sich die Mitglieder des Kunststoffrohrverbandes in einem Tagungshotel, um über die Entwicklungen ihrer Branche zu sprechen. Doch dieses Mal ist es anders. „Als ich das Programm gesehen habe, dachte ich, wir spinnen“ sagt Vorstandsmitglied Marcus Wittmann.

Nur klare Worte helfen

Anfang 2019 hatte man intern diskutiert, wie der Verband in Sachen Klimaschutz und Kreislaufwirtschaft Verantwortung übernehmen könne. Der Vorstand kam zum Ergebnis: Nur klare Worte und der Austausch mit Experten können helfen, sich weiterzuentwickeln und Wege in eine gute Zukunft für alle zu finden. So trafen die Branchenvertreter in diesem Jahr auf hochkarätige Redner aus Politik, Gesellschaft und Wissenschaft und erstmalig auch externe Gäste.

Plastikvermeidung statt Kunststoff-Bashing

Das Hessische Umweltministerium ließ sich die Eröffnung des Programms nicht nehmen. Dr. Petra Meyer-Ziegenfuß, Leiterin des Referats für Abfallrecht, Produktverantwortung und Abfallwirtschaftsplanung, be-richtete von den Initiativen für weniger Plastikabfall und gab einen Ausblick auf die regulatorischen Vor-haben der EU und der Bundesregierung. Dabei wurde deutlich, dass das Hauptaugenmerk auf Verpackungsmüll und nicht auf technischen Anwendungen wie Kunststoffrohrsystemen liegt. Man müsse sich schließlich auch immer die Vorteile wie Langlebigkeit und Flexibilität von Kunststoffen vor Augen halten, so Meyer-Ziegenfuß. Bei aller angestrebten Plastikvermeidung werde man „kein Kunststoff-Bashing“ betreiben.

Gespannt erwarteten die KRV-Mitglieder danach die Worte von Michael Rothkegel, Geschäftsführer des Bundes für Umwelt und Naturschutz (BUND) Hessen. Rothkegel nahm den „Plastikatlas 2019“, eine Publikation der Heinrich-Böll-Stiftung und des BUND, als Grundlage für seine Forderungen nach weniger Konsum und verringertem Verbrauch von Einwegplastiken. Auch er differenzierte deutlich zwischen kurzlebigem Verpackungsmüll und langlebigen Rohrleitungen, deckte aber zugleich Schwachstellen in der Kreislaufwirtschaft auf, die wenig später diskutiert werden sollten.

„Eine Tonne CO2 müsste eigentlich 180 Euro kosten“

Dominik Lawetzky, Sprecher der Fridays4Future-Bewegung in Wiesbaden, appellierte im Anschluss an die KRV-Mitglieder und alle Gäste: „Wir müssen handeln – jetzt!“. Man verhandele ständig über das Ökosystem, ohne dass es mit am Tisch sitze. Und obwohl man wüsste, dass der Klimawandel keine weiteren Verzögerungen dulde. Selbstkritisch merkte Lawetzky jedoch an, dass seine Bewegung derzeit noch wenig bildungsferne Schichten anspreche. Es brauche einen breiteren gesellschaftlichen Konsens und mehr „Suffizienz“ in der täglichen Lebensführung. Dennoch verzeichne „FFF“ ein starkes Wachstum und werde seine Arbeit in jedem Falle fortsetzen und verstärken.

Dem überzeugenden Impuls Lawetzkys folgte ein Überblick über die wissenschaftlichen Grundlagen und Möglichkeiten der Politik – vorgetragen von Prof. Dr. Katharina Eckartz. Als Mitglied der Scientists4Future untermauerte sie die Aussagen ihrer Vorredner und bezog deutlich Stellung zum sechs Tage zuvor vorgelegten Klimaschutzpaket der Bundesregierung: „Eine Tonne CO2 müsste eigentlich heute schon 180 Euro kosten, damit die richtigen Anreize gesetzt würden.“

Beim Recycling ist noch Luft nach oben

Die Frage nach dem Preis für Klimaschutz nahm Moderatorin Alexa v. Busse mit in die anschließende Diskussion. Diese zeigte deutlich, dass es keinen Masterplan für die deutsche Klimapolitik gibt. Bestehende strukturelle Probleme kommentierte Prof. Eckartz mit den Worten: „Wo es keinen ÖPNV gibt, können Sie auch nicht drauf umsteigen“. Das münzte Marcus Wittmann auf seinen Verein um und sagte: „In Sachen Recycling haben wir noch Luft nach oben, da haben wir bisher zu wenig Lösungen.“ Als Vater zweier Töchter gab er zu bedenken: „Wir müssen uns heute schon überlegen, was wir mit den Rohren machen, die wir in 100 Jahren wieder ausbuddeln werden.“

Oliver Denz, stellvertretender Vorstandsvorsitzender des KRV, wies in diesem Zusammenhang noch auf den Fachkräftemangel hin, der auch hier grassiert. An den vor dem Abitur stehenden Dominik Lawetzky richtete er den Appell: „Beschäftigen Sie sich mit der Materie Kunststoff. Wir brauchen Nachwuchs für noch mehr Nachhaltigkeit.“

Eine Branche unter Druck

Auf die Debatte folgten am Nachmittag Fachvorträge zu ähnlichen Themen. Sven Weihe vom Verband PlasticsEurope Deutschland fasste die Ergebnisse der Umfrage „Kunststoffimage 2018/19 – eine Branche unter Druck“ zusammen. Weihe legte dar, wie sich das positive Image von Kunststoffen tatsächlich verringert hat. Jedoch sei noch kein Rückgang der Produktionszahlen zu erkennen.

Der sich selbst als „Geburtshelfer für Ideen“ bezeichnende Ivar A. Aune griff für seinen Beitrag „Kreislaufwirtschaft als Chance“ zum einen die Erkenntnisse seines Vorredners und zum anderen die jüngst publizierte Impulse-Ausgabe des KRV zur „Kreislaufwirtschaft in der Kunststoffrohr-Industrie“ auf. Er lobte die bisherigen Anstrengungen, zeigte jedoch ganz konkret, wo die Bemühungen noch zu verstärken und wirksamer hervorzuheben sind. Er forderte den Verband auf, auch die Grenzen der Verwendung von Rezyklaten für sicherheitsrelevante Anwendungen klar zu kommunizieren.

Den Abschluss des Tages machte Jakob Przybylo, Experte für BIM (Building Information Modeling) der DT Bau. Für Przybylo ist klar: „BIM ist ein „Gamechanger“ und wird einen massiven Einfluss auf den Wettbewerb, Produkte und Dienstleistungen sowie die Arbeitsweise der Unternehmen haben. Kleinere und mittlere Marktteilnehmer könnten es sich schon bald nicht mehr leisten, BIM zu ignorieren.“ Und schließlich sei eine von Anfang an transparente und nahtlose Planung auch eine Investition in die Schonung von Ressourcen und Umwelt.

 

Die Kunststoffrohr-Industrie zählt zu den innovativen, mittelständisch geprägten und energieintensiven Industrien in Deutschland. Rund 60 Unternehmen mit 13.500 direkt Beschäftigten haben 2015 einen Gesamtumsatz von rund 4,4 Milliarden Euro erzielt. Moderne Kunststoffrohre spielen eine Schlüsselrolle beim Energieleitungsbau (z. B. Erdverkabelung), beim Transport von Erdgas, bei Fernwärme und Geothermie. Auch in der Telekommunikation (Ummantelung von Breitbandkabeln), der Wasser- und Abwasserwirtschaft sind Kunststoffrohre unverzichtbar.